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02.10.2015

Der Sonntag ist krank

Kürzlich traf ich in den Straßen einer großen Stadt den Sonntag. Ich erschrak, denn er sah schlecht, krank und müde aus. "Ja, es geht mir gar nicht gut", meine der Sonntag traurig. "Ich war bei vielen Professoren und Ärzten; auch sie sind ratlos und ihre Diagnose ist verwirrend. Manche von ihnen meinen, ich leide unter einer Neurose. Und denken Sie nur, einer sagte zu mir: Du armer, alter Sonntag, die Menschen haben dir die Seele geraubt; du wirst bald sterben". Da war ich neugierig und fragte ihn: "Hast du wenigstens noch die Apotheke Gottes?" "Oh ja", sagte er, "sie ist mein kostbarer Schatz. Die Sonne und die Stille und die Freiheit und das Ausruhen und das Loslassen… und all die vielen Kräuter als Angebote zum Heilen der Menschen. Diese Apotheke Gottes habe ich noch, aber die Menschen fragen kaum mehr danach. Ganz schlecht geht es mit den Kräutlein Ruhen und Beten und Glauben." "Ganz schlecht", murmelte der alte Sonntag und bog um die Ecke.(P. Jakobi, Damit unser Glaube wachsen kann, Mainz 1999, 152).

Diese Diagnose bestätigt der Heidelberger Mediziner Dr. Gunter Frank: "Die sonntägliche Stunde Gottesdienst… und all diese Rituale, bei denen man nichts erreichen musste, sind heute kaum mehr üblich" (Apotheken Umschau, Mai 2015, S. 22).

Der Sonntag ist in unserer Zeit hierzulande tatsächlich krank geworden.

"Sonntag.
Das ist der Tag des langen Schlafens.
Das ist der Tag des fetten Bratens.
Das ist der Tag der Schwarzarbeit.
Das ist der Tag des Autos und der vielen Kilometer.
Früher einmal war es der Tag des HERRN".
(Rupert Schützbach).

"Wenn die Seele keinen Sonntag hat, dann verdorrt sie"- sagte Albert Schweitzer. Darum riet Peter Rosegger: "Gib der Seele einen Sonntag und dem Sonntag eine Seele." Dies kann nur dann geschehen, wenn ich den Sonntag in meinem Leben für heilig halte (Gen 2,2). In der Praxis bedeutet das, die Begegnung mit dem auferstandenen Jesus Christus in der Eucharistiefeier zu erleben. Denn ohne DEN, der unser Leben trägt, ist das Leben nicht tragbar…

Msgr. Dr. Josef Hernoga, Schwabach, 2.10.15

P.S. Ein Dialog des Alltags: "Glaubst du an Gott?" "Ja, denn die Atheisten haben keine Feiertage."